Der Umgang mit unausgesprochenen Aufträgen im Coaching gleich einem Labyrinth

Welche Aufträge nimmst Du an?

Kategorie(n): Aktuell | Coaching-Qualität

An was denkst Du, wenn Du diese Frage liest? Vermutlich als erstes an die von Deinen Klient*innen aufgebrachten Themen, an ihre Coachingziele sowie an die Rahmenbedingungen des Coachings. All dies abzuklären, ist zweifelsohne elementar für den Erfolg eines Coaching-Prozesses.

Mir geht es in diesem Beitrag jedoch um die unausgesprochenen Aufträge, die ein Coachee an einen Coach heranträgt. Meist sind diese Aufträge Ausdrucksformen innerer Widerstände und dem Coachee gar nicht bewusst.

Für Dich als Coach sind sie herausfordernd, weil sie nicht auf den ersten Blick zu erkennen sind. Nimmst Du sie nicht wahr, können sie das Coaching schnell zum Scheitern bringen. Gelingt es Dir hingegen, sie – aus einer neugierigen, offenen, urteilsfreien Position heraus – zu benennen und ins Coaching zu integrieren, kann es eine fruchtbare Zusammenarbeit werden.

Nachfolgend beschreibe ich einige typische „Auftraggeber“, unterteilt in zwei Obergruppen:

  1. diejenigen, die Bestätigung für ihre unbewussten Annahmen suchen
  2. diejenigen, die sich nicht einlassen wollen und Dich auf den Prüfstand stellen

Auch wenn meine Beschreibungen dies nahelegen: Mir geht es hier nicht um eine Klienten-Typologie, sondern darum, Dich für Dein eigenes Erleben im Kontakt zu sensibilisieren, um mögliche unausgesprochene Aufträge rechtzeitig erkennen, thematisieren und bearbeiten zu können.

Beachte dabei bitte, dass meine Unterteilungen nicht ganz trennscharf sind und manche Aufträge gleich im Bündel daherkommen. Gleiche meine Ausführungen gerne mit Deinen Erfahrungen ab. Kennst Du noch andere derartige Aufträge? Schreibe mir gerne dazu.

1. Bestätige mich …

… als Opfer: „Sieh, welche Last ich trage!“

Die Coachee kommt zu Dir, um zu klagen. Sie trägt hart am Leben, an ihren Mitmenschen und all den Herausforderungen, die sie zu bewältigen hat. Bei Dir kann sie endlich ausgiebig jammen – nicht, dass sie das an anderer Stelle nicht auch täte. Aber es hört ihr ja keiner zu, keiner weiß, wie schwer sie zu tragen hat, keiner unterstützt sie. Jegliche Interventionen Deinerseits, die zur Ausleuchtung ihrer Situation oder einem Perspektivwechsel einladen, laufen ins Leere. Es gibt immer ein „Ja, aber“ – die anderen, die Situation, das Leben überhaupt. Sie kann mehrere Sitzungen mit purem Jammern füllen.

Lässt Du das einfach laufen, schaffst Du eine Situation, die sie erneut als Opfer bestätigt. Denn am Ende wird sie eine Menge Geld ausgegeben haben, ohne dass es sie irgendwie weitergebracht hätte.

… als artig: „Sag, mir was ich tun soll!“

Die Coachee zeigt sich freundlich und zugewandt. Sie findet es toll, dass es Coaching gibt und ist überaus kooperationsbereit. Sie ist sehr bemüht alles richtig zu machen; fragt immer wieder nach, ob sie etwas richtig verstanden hat und die richtigen Antworten gibt. Konflikte gilt es zu vermeiden. Am Ende einer Sitzung zeigt sie sich besorgt, dass sie für Dich bestimmt ein besonders schwerer Fall ist. Sie möchte als willig und lernbereit wahrgenommen werden.

Wenn Du im Kontakt mit einer solchen Kundin in die Position eines lobenden, beschützenden Eltern-Ichs (Transaktionsanalyse) gerätst, nimmst Du ihren unbewussten Auftrag an.

… als ohnmächtig: „Beweise mir, dass mir nicht zu helfen ist!“

Der Coachee will bereits im Vorgespräch bis ins Kleinste wissen, wie Du vorgehst, welche Methoden Du anwendest, wie Du ihn weiterbringen willst. Zugleich kommen Aussagen wie: „Ach ich weiß nicht, xy meint, so ein Coaching wäre gut für mich, aber ich weiß nicht, ob das alles bei mir funktioniert.“ Was auch immer Du ihm aufzeigst, die Zweifel bleiben. Beobachtest Du dergleichen, kann es gut sein, dass Dein Coachee gar keine Lösung sucht, sondern die Bestätigung, dass ihm nicht zu helfen ist.

Du kannst Dich als Coach noch so sehr anstrengen, alle nur denkbaren Tools und Interventionen anwenden, Dein Klient beziehungsweise ein bestimmender Teil in ihm wird immer wieder Beweise für seine unbewusste Überzeugung suchen und höchstwahrscheinlich auch finden.

… als grandios: „Bewundere mich!“

Die Coachee ist erfolgreich und leistungsorientiert. Sie beeindruckt Dich – Durch ihre hohe Arbeitsenergie, ihr Auftreten, ihren Charme… Es schmeichelt Dir, dass sie Dich gewählt hast und Du willst sie nicht enttäuschen. Sie hat klare Ziele vor Augen und möchte von Dir unterstützt werden, sie zu erreichen. Eigentlich braucht sie Dich dabei nicht wirklich, aber ein Coach gehört in ihrem Selbstverständnis einfach dazu. Höchstwahrscheinlich hat sie auch schon in die Welt herausgetragen, dass sie mit Dir einen grandiosen Coach an der Seite hat – so grandios wie sie selbst.

Du fühlst Dich unterschwellig gefordert, dem Bild gerecht zu werden, dass sie von Dir zeichnet. Du willst es richtig machen und gerätst zunehmend unter Druck.

2. Beweise Dich als vertrauenswürdig

Diese Klient*innen haben wenig bis gar kein Vertrauen in das Coaching beziehungsweise in Dich als Coach. Einige sind durchaus bereit, sich umstimmen zu lassen, sofern Du die nötigen Vertrauensbeweise erbringst. Viele von ihnen wollen in der Tiefe allerdings auch Bestätigung: nämlich dafür, dass es sich nicht lohnt, ja vielleicht sogar gefährlich ist, sich einzulassen.

„Überlass mir die Kontrolle!“

Der Coachee kommt mit einem eigenen – oft ins Kleinste ausgearbeiteten – Plan (gerne als PowerPoint-Präsentation) ins Coaching. Er gibt die Richtung vor, bestimmt, welche Fragestellungen in welcher Reihenfolge zu behandeln sind. Er möchte, dass Du mit ihm Schritt für Schritt seinen Plan durcharbeitest. Dein Coachee entzieht Dir die Kontrolle über den Prozess.

Möglicherweise lässt Du Dich auf seine Vorgaben ein, verspürst dabei aber Widerwillen. Du fühlst Dich bevormundet, manipuliert oder überrumpelt.

„Überzeuge mich!“

Dieser Coachee wurde eventuell geschickt und macht erstmal nur pro forma mit. Er erzählt von der einen oder anderen Situation, wirft Überlegungen und Fragen auf, die er selbst sogleich sachlich analysiert. Dabei wirkt er distanziert, persönlich unbeteiligt. Du kommst nicht wirklich mit ihm in Kontakt, wenngleich er immer wieder Deine Perspektive erfragt.

Du fühlst Dich auf dem Prüfstand. Möglicherweise strengst Du Dich an, ihn mit Deinen Betrachtungen und Argumenten zu überzeugen.

„Unterhalte mich!“

Dieser Coachee möchte einfach mal Coaching kennenlernen, sich vielleicht auch was Gutes tun. Er hat jedoch keinerlei echtes Interesse daran, an sich zu arbeiten. „Auftraggeber“ wie diese kenne ich persönlich weniger aus dem Coaching als aus dem Training. Geschichten und Anekdoten, die sie in ihrer Weltsicht bestätigen, gefallen ihnen. Dann fühlen sie sich gut unterhalten, können sich zurücklehnen, ohne mit sich selbst konfrontiert zu werden.

Bei Dir stellt sich dagegen Langeweile ein. Du merkst, dass Du selbst das Interesse an Deinem Gegenüber verlierst und keinen echten Kontakt mehr suchst.

„Lass mich in Ruhe!“

Dieser Coachee kommt mit einem klar formulieren Anliegen ins Coaching. Doch ein innerer Teil von ihm hält es für ungebührlich, nicht erstrebenswert oder gar bedrohlich, diesem Anliegen nachzukommen. Du hast es also mit widerstreitenden Seiten bei Deinem Coachee zu tun. Während die eine Seite das definierte Coaching-Ziel erreichen möchte, boykottiert die andere Seite dieses Ansinnen.

Dabei steht ihr ein breites Arsenal an Taktiken zur Verfügung: Sie kann tausend Themen auf einmal aufmachen und von einem zum anderen springen. Sie kann jegliche Arbeitsenergie zum Erliegen bringen und Deinen Coachee und Dich in einem nebligen Vakuum sitzen lassen. Sie kann sich als zorniges Biest zeigen, das für Dich aus kaum nachvollziehbaren Gründen aus der Haut fährt.

Sie kann Dich unendlich verwirren. All das mit dem Ziel, in der Tiefe in Ruhe gelassen zu werden.

Was tun im Umgang mit unausgesprochenen Aufträgen?

Der erste Schritt besteht meines Erachtens darin, sich selbst gegenüber ebenso achtsam und ehrlich zu sein wie gegenüber dem Coachee. Wahrzunehmen, welche eigenen Impulse sich im Kontakt zeigen und sich die Beweggründe für das eigene Handeln bewusst zu machen. Worum geht es mir hier gerade? Was treibt mich an? Was ist mein Bedürfnis? Was will ich bewirken, um zu bekommen, was ich brauche?

Mechthild Erpenbeck eröffnet in ihrem Buch Wirksam werden im Kontakt (siehe dazu auch meine Empfehlungen zu lesenswerten Büchern) eine hübsche Liste an „Todsünden“ von Coaches; namentlich erwähnt sie Kontrolle, Selbstbestätigung, Rivalität, Angst, Aggression und Retterspiele. Wir Coaches sind halt auch nur Menschen. 😉

In unserer professionellen Rolle sind wir idealerweise in der Lage, mit unseren eigenen Gedanken, Emotionen und Bedürfnissen angemessen umzugehen. So kannst Du die Impulse und Empfindungen, die Dein Klient in Dir auslöst, aktiv und Sinn stiftend in den Coaching-Prozess einbringen. Wenn Dir das nicht in der akuten Situation gelingt, dann zumindest im Nachhinein. Aus meiner Erfahrung eine gute Möglichkeit, sich als Coach persönlich und professionell weiterzuentwickeln.

Mechthild Erpenbeck schreibt hierzu: „So ist es die Aufgabe jedes der Selbststeuerung kundigen Coachs, den vermeintlichen Frevel liebevoll in einen willkommenen Hinweis umzudeuten – als dezente Erinnerung, sich um die Affektabstimmung zu kümmern, letztendlich um sich selbst.“

Ich freue mich, wenn Sie den Beitrag teilen.

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